Olympische Spiele in Rio: Sportminister Romain Schneider im “T”-Interview

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Seit 2009 ist Romain Schneider Sportminister. Der 54-Jährige wird gleich zu Beginn der Olympischen Spiele in Rio anwesend sein. Es sind seine zweiten Spiele nach London 2012. Etwa fünf Tage wird der LSAP-Politiker in Rio sein. Das Tageblatt hat sich mit Romain Schneider über das IOC, Luxemburger Talentförderung und den Stellenwert des Sports in Luxemburg unterhalten.


Romain Schneider Tageblatt

„Viele klagen auf hohem Niveau“

Von Aus Rio de Janeiro berichten Tageblatt-Journalist David Thinnes (Texte), Jeff Lahr und Gerry Schmit (Foto)

Tageblatt: Wie immer gibt es im Vorfeld der Olympischen Spiele Diskussionen über Finanzen, Gesundheit, Organisation etc. Muss das IOC sein Konzept der Spiele überdenken und Wasser in seinen Wein schütten, um die Veranstaltung eher kleiner als noch größer zu machen?

Romain Schneider: Für mich gibt es zwei Themen. Einerseits stellt sich die Frage: Wie finden die Spiele statt? Das IOC hat in der letzten Zeit versucht, zu reduzieren. Das Motto „Dabei sein ist alles“ gilt nicht mehr. Die Kriterien wurden in den vergangenen Jahren immer strenger.

Auch die Nachhaltigkeit ist nötig, vor allem bei der Infrastruktur. Wenn man sieht, was investiert wird, ist dies selten ein Fehler des IOC, sondern der Länder und Städte. Oft werden Strukturen – mit öffentlichen Geldern – über die Verhältnisse aufgebaut. Es gibt gute europäische Beispiele, München, London oder auch Barcelona, wo die Wohnungen noch benutzt werden und auch der Hafen immer wieder umgebaut wurde. Schlechte Beispiele in diesem Punkt sind Peking, Sotschi oder auch Athen. Es geht nicht um die Infrastruktur für den Sport, es geht darüber hinaus. Von der Veranstaltung soll auch die Bevölkerung profitieren. Das sollte eines der Kriterien bei der Bewerbung und Vergabe sein.

Das IOC ist eine Geldmaschine und will immer mehr globale Macht. Überwiegt dies dann nicht doch im Vergleich zu Nachhaltigkeit oder sozialer Verantwortung?

Das IOC spielt eine wichtige Rolle. Wie weit will und kann es dies machen? Die Spiele sind ein Top-Event. Für jede Firma sind die Spiele perfekt zum Werben. Aber es gibt auch so etwas wie eine soziale Verantwortung der Firmen. Die Nachhaltigkeit muss immer ein Thema sein. Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir nachdenken müssen und etwas für die nachfolgenden Generationen machen wollen.

Sicherheit ist ein weiteres viel diskutiertes Thema. Haben Sie Angst, nach Rio zu reisen?

Wenn ich sehe, was alles in der Welt passiert, darf ich eigentlich nicht mehr vor die Tür. Ich war schon oft am Flughafen Istanbul, Brüssel oder Paris. Ich war auch in den Hotels in Mali und Burkina Faso, wo Leute erschossen wurden. Vorsicht ist da, Angst habe ich keine. Wie würde man sonst weiterleben?

Zehn Athleten werden Luxemburg in Rio vertreten. Was kann Luxemburg in den nächsten 15, 20 Jahren in der Jugend- und Talentförderung unternehmen, um sich weiterzuentwickeln?

Mit dem „Sportlycée“ und den „centres de formation“ haben wir eine hervorragende Plattform. Bei den Verbänden pochen wir darauf, dass die Trainer einen A-Schein haben. Die Armee ist eine weitere gute Option. Momentan arbeiten wir am Projekt „nationaler olympischer Stützpunkt“. Die Förderung soll ausgeweitet werden. Bis in das kleinste Detail soll gearbeitet werden. Das haben wir in dem Maß zurzeit nicht. Bis Ende des Jahres werden wir ein Konzept vorstellen. Das muss die Zukunft sein. Ein, zwei Jahre werden für die Umsetzung benötigt. Ab 2018 wollen wir konkret damit arbeiten.

Während der EU-Ratspräsidentschaft wurde auch viel von der dualen Karriere geredet. Ist dies auch Teil davon?

In diesem Bereich bewegt sich auch viel. Hier hat ein anderes Denken eingesetzt. In den nächsten Jahren werden wir konkret weiterkommen. Der Weg soll einfacher werden für die Talente. Risiken sollen eliminiert werden. Es gibt viele gute Beispiele aus dem Ausland. Wir müssen ein Modell entwickeln, das unseren Bedürfnissen entspricht.

Immer wieder wird von der Autonomie der Sportbewegung gesprochen. Wie weit darf und soll sich die Politik in den Sport einmischen?

Das ist gesetzlich geregelt und die Politik soll sich daran halten. In Luxemburg funktioniert die Trennung ganz gut, aber wir besprechen alle Themen. Die Sportbewegung muss autonom funktionieren. Was nicht sein darf, ist, dass aufgrund finanzieller Unterstützung eine Anzahl an Medaillen gefordert wird, wie das in Deutschland der Fall war. Wir versuchen, das Optimum aus unseren Möglichkeiten herauszuholen. Es müssen optimale Bedingungen für die Sportler geschaffen werden. Es gibt aber keinen Medaillen- oder Erfolgszwang. Natürlich ist es so, wenn finanzielle Investitionen getätigt werden, muss man rechtfertigen, was mit dem Geld passiert. Dies wird auch so von der Sportbewegung akzeptiert.

Im „Sportlycée“ gab es das Problem mit der FLNS. Hier gab es auch sicherlich Probleme bei der Umsetzung der Autonomie. Wie kann man als Sportminister eingreifen?

Es gibt ja Konventionen zwischen Verbänden und „Sportlycée“. Die Partner müssen sich an diese halten. Das ist die Basis. Sonst wird es wild. Es muss Regeln geben. Es geht darum, junge Talente zu fördern. Wenn man sieht, dass etwas nicht richtig funktioniert, muss das sofort behoben werden. Das ist der Vorteil von Luxemburg: die kurzen Wege und die Möglichkeit, schnell Lösungen zu finden.

Man wird generell das Gefühl nicht los, dass der Sport an allerhöchster Stelle der Regierung – der jetzigen und auch der vorherigen – nicht das richtige Ansehen, wie es von der Sportbewegung gewünscht wird, genießt.

Dieses Gefühl habe ich jetzt nicht und auch vorher nicht. Der Sport fragt – wie andere Bereiche auch – nach neuen finanziellen Mitteln. Unsere Budgets wurden in den vergangenen Jahren kontinuierlich erhöht und das wird auch Zukunft der Fall sein. Es geht aber nicht darum, Geld zu bekommen, sondern man muss auch wissen: Was machen wir damit? Es geht um Inhalte, Konzepte. Sportpolitik kann nicht mehr mit Amateurismus funktionieren. Im Budget 2017 werden wir einige neue Akzente setzen. Die Politik hat verstanden: Wir haben nicht nur Konzepte, um die Ziele zu erreichen, sondern wir brauchen auch Geld.

In den letzten EM-Wochen wurde immer wieder der Vergleich zwischen Island und Luxemburg hervorgeholt. Beide Nationen sind schwer zu vergleichen, außer eventuell bei der Mentalität und Einstellung zum Sport. Was muss sich im Großherzogtum diesbezüglich ändern?

Generell kann man beide Länder in der Tat nicht vergleichen. Mentalitäten sind in allen Ländern anders. Teamgeist, Kämpfertum sind Eigenschaften der Isländer. Island ist bekanntlich eine Insel und ist sicherlich etwas isoliert. Der Sport wird benutzt, um einen sozialen Aufstieg zu schaffen. In Luxemburg geht der soziale Aufstieg über die Ausbildung oder den Beruf. Bei uns finden sich wenig Leute, die den schwierigen Weg über den Sport gehen wollen, um etwas zu erreichen. Projekte wie duale Karriere sind deshalb wichtig, um die Angst zu nehmen. Ich ziehe den Hut vor allen Sportlern, die eine Profi-Karriere angehen. Wenn man den Fußball nimmt: Ein Spieler, der einen Beruf hat und auch im Verein noch etwas verdient, hat oft mehr hierzulande als er in einem Profiverein garantiert erhält. Fußballerisch und taktisch ist Luxemburg nicht so weit hinter Island. Aber im physischen Bereich, der Ausdauer und der Routine sind sie, neben ihrer Einstellung, im Plus.

Geht es uns in Luxemburg zu gut?

Es geht einigen in Luxemburg gut. Aber es gibt auch viele Menschen, denen es schlecht geht. Nicht jeder kann von der guten Situation profitieren. Ich wünsche mir, dass die Leute respektieren, dass es ihnen gut geht. Viele klagen auf hohem Niveau.