Kevin allein zu Haus? -D’Lisa Kersch ass “Zu Gast” am “Land”

Neiegkeeten, Tribune libre

Vor einigen Wochen hat Kevin Kühnert sich auf Nachfrage erdreistet zu denken, laut nachzudenken. Über die Grenzen des Kapitalismus. Über Alternativen zum heutigen Modell. Die Aufregung ist groß, weil der Vorsitzende der deutschen Jungsozialisten meint, „im Optimalfall“ sollte jeder maximal den Wohnraum besitzen, in dem er selbst wohnt. Und weiter: „Mir ist weniger wichtig, ob am Ende auf dem Klingelschild von BMW ‘staatlicher Automobilbetrieb’ steht oder ‘genossenschaftlicher Automobilbetrieb’ oder ob das Kollektiv entscheidet, dass es BMW in dieser Form nicht mehr braucht.“ Es ist dieser kollektivistische Gedanke, der stört und bekämpft wird, mit allen Mitteln der gespielten Entrüstung und geheuchelten Belehrung.

Wenn aber die Aussagen eines jungen Menschen, angelehnt an alte, in der politischen Philosophie als sozialistisch gekennzeichnete Theorien, zum Aufschrei führen, dann hat die Sozialdemokratie ein Problem. Denn die Aussagen Kühnerts haben wenig bis gar nichts mit Kommunismus zu tun. Sie lehnen sich vielmehr an an die sozialistischen Theorien des Eigentums eines Rousseaus oder Proudhons. Dass so manche SPD-Spitzen dies scheinbar nicht wissen, wirft Fragen auf hinsichtlich ihrer Beziehung zur politischen Literatur. Noch schlimmer aber ist die Tatsache, dass Kühnerts Aussagen gar als die „Grenze des Sagbaren“ verstanden werden.

Denn muss auch heute noch jedwede Kapitalismuskritik mit Ketzerei gleichgestellt werden? Das neoliberale Modell ist spätestens mit der Finanz- und Wirtschaftskrise an seine Grenze geraten. Die Ausbeutung von Mensch und Natur ist an einem Punkt angelangt, der die Existenz des Planeten bedroht. Es ist die Pflicht der Politik, sich diesen Fragen zu stellen. Denn nicht einmal mit Lockes Theorie, der als Vater des Liberalismus gilt, lässt sich rechtfertigen, wie Eigentum oder Reichtum derzeit verteilt werden. Locke erklärt das Recht auf Eigentum durch die in das Eigentum investierte Arbeit. Jedoch bleibt er eine Erklärung schuldig, wie denn Eigentum bzw. Reichtum zu rechtfertigen ist, das nicht auf Arbeit basiert? Zum Beispiel, wenn sich Reichtum in Banken vermehrt, einfach, ohne Zutun, nur, weil man bereits reich ist? Oder wenn man mehr besitzt, als man selbst je durch die eigene, geleistete Arbeit generieren könnte?

Von diesen Fragen einmal abgesehen, häufen sich die Stimmen, die meinen, dass wir dank Digitalisierung und Robotisierung auf ein Zeitalter zusteuern, in dem der Mensch als Arbeitskraft zunehmend überflüssig wird. Was aber tun mit einem Gesellschaftsmodell, das immer noch auf der Annahme beruht, der Anspruch auf Eigentum ergebe sich durch die geleistete Arbeit? Auf diese Frage müssen wir Antworten finden, früher oder später. Kühnerts Aussagen sind also nicht nur berechtigt, sondern durchaus gangbare Alternativen. In Luxemburg gibt es schon heute eine soziale Solidarwirtschaft, deren Wirtschaftskraft auf 8 Prozent des BIP geschätzt wird. Die Kreislaufwirtschaft wird dieser Entwicklung weiteren Auftrieb verleihen.

Kevin Kühnert mag sich aufgrund der aggressiven Medien- und Politikschelte momentan ziemlich alleine fühlen im Hause der Sozialdemokratie. Aber er kann sich der Unterstützung vieler Menschen sicher sein, die das egoistische Plündern und Verschwenden von Ressourcen nicht mehr hinnehmen wollen. Sie alle stehen für das Ende der individuellen Bereicherungen durch den Neoliberalismus und sind hungrig auf ein Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell, das Frieden, Wohlstand und einen respektvollen Umgang mit der Natur ermöglicht.