Iwwert Quoten, Steierreform an de fehlenden weiblechen Touch: D’Cátia Gonçalves am Interview

Neiegkeeten, Press

Am Kader vum Kongress vun de “Femmes socialistes” leschten Samschden huet sech d’Tageblatt mat der FS-Presidentin Cátia Gonçalves ënnerhal. Hei den Interview.

„Es geht einfach nicht anders“

Von Claude Clemens

Anlässlich des Kongress der „Femmes socialistes“ haben wir uns mit der Vorsitzenden Cátia Gonçalves unterhalten. Die 31-Jährige vertritt seit 2011 die LSAP im Gemeinderat in Petingen und ist seit 2014 FS-Präsidentin.

Tageblatt: Bei den kommenden Europawahlen soll es eine 50%-Quote für Frauen auf den Wahllisten geben. Bei den Nationalwahlen eine Quote von 40%; bei den Gemeindewahlen gibt es aber lediglich eine Kampagne (wieltegaliteit.lu), auch wenn dies logische, organisatorische Gründe hat. Was ist denn nun der richtige Weg?Cátia Gonçalves: Wenn wir warten, bis sich das Verhältnis von selbst regelt, warten wir noch 80 oder 100 Jahre … Es geht nicht von alleine, es gab z.B. noch nie mehr als 25% weibliche Abgeordnete im Parlament.

Ich hoffe, so klappt es. Über die Parteienfinanzierung wird ein Anreiz gesetzt, aber der voluntaristische Weg ist natürlich nicht ausgeschlossen. Eine Mischung von beidem, ein guter Mix, in dem beide Ansätze „zeigen“ können, dass es funktioniert. Denn auch eine Quote allein reicht nicht aus, wenn man nichts tut.

Sie haben beim Kongress gesagt, die Gemeindewahlen 2017 seien ein wichtiger Test für die 40%-Quote bei den Nationalwahlen 2018. Wo steht die LSAP in dieser Hinsicht? Wo die Politik im Allgemeinen?

In der LSAP liegt der Mitgliederanteil von Frauen bei 36,4%. Wie genau das Verhältnis in den einzelnen Gemeinden ist, weiß ich nicht, aber es ist ganz klar noch Luft nach oben.

Was wir merken: Viele Frauen trauen sich politisches Engagement nicht zu, weil sie denken, man müsste ein „Spezialist“ sein. „Männer melle sech a kucken, ob et geet. Frae stelle sech am Virfeld scho vill méi Froen.“ Dazu kommt die immer noch klassische „Rollenverteilung“, was Familie und Haushalt angeht. Hier muss einfach ein Paradigmenwechsel kommen: Es geht, beides unter einen Hut zu bekommen. Wenn Frauen sich dann trauen, bräuchten sie mehr Begleitung, mehr Unterstützung. Deshalb unser Vorschlag in einem Initiativantrag, den wir beim LSAP-Kongress eingereicht haben, eine Art „parrainage“ einzuführen, bei dem erfahrene Mitglieder neue begleiten, quasi als „Team“ auftreten.

Was ist generell die Position der „Femmes socialistes“ in puncto Quoten?

Vor 15 Jahren gab es partei-intern bereits einmal den Versuch, Quoten einzuführen; der Versuch scheiterte. Wir als „Femmes socialistes“ sind schon seit Jahrzehnten dafür, weil wir einfach feststellen, dass es anders nicht geht. Im Parlament sind von 13 Abgeordneten vier Frauen, und das auch nur durch Nachrücken. Als sozialistische, progressistische Partei muss es mehr sein, ganz klar.

Eine Quote kann auch ein „Werkzeug“ sein, einen Prozess in Gang setzen. Vielleicht kann man sie später wieder abschaffen. Aber die Luxemburger Gesellschaft generell braucht Anreize.

Themawechsel: die Flexibilisierung der Arbeitszeiten wird derzeit heiß diskutiert. Die Anforderungen je nach Sektor sind sehr verschieden, aber wohl auch je nach Geschlecht. Wie sehen Sie das als Frau?

Grundsätzlich haben wir uns mit dem speziellen Thema noch nicht beschäftigt, aber an einer Feststellung kommt man heute nicht mehr vorbei: Wenn das gesellschaftliche Modell erfordert, dass von zwei Partnern alle beide arbeiten müssen, um das Haus usw. zu finanzieren, dann kommt die Familie zu kurz. Die Flexibilisierung könnte also durchaus Bestandteil einer breiteren Diskussion sein, bis hin vielleicht sogar zum Infragestellen der 40-Stunden-Woche.

Betreuung ist wichtig, aber ersetzt die Familie nicht. Arbeiten ist gut, aber wenn man abends zu müde ist, um mit den Kindern zu spielen, sich um sie zu kümmern? „Wann ech mat Educatrice schwätzen, kréien ech oft gesot, dat et Eltere ginn, déi d Schlappe verléiere mam Drock, mat den Terminer, etc.“ Wie weit wohne ich von meinem Arbeitsplatz weg? Auch das spielt eine Rolle, und damit wären wir beim Wohnungsbau. Die Flexibilisierung ist meiner Meinung nach Teil einer sehr breit gefächerten Debatte.

Der Sozialdialog in diesem Bereich unter überwiegend männlichen Diskutanten hakt bekanntlich. Wäre es besser, würden mehr Frauen mit am Tisch sitzen?

Wahrscheinlich (sie lächelt). Die Diskussionen würden mit Sicherheit anders verlaufen, es würden mehr konkrete Erfahrungen einfließen. Vielleicht würden sie auch weniger aggressiv geführt, immer mit dem Gesamtbild „Familie, Zusammenleben, Wirtschaft“ im Kopf und nicht irgendwelchen „hidden agendas“.

Die „Mixité“ der Delegationen kann man auch anderweitig infrage stellen: Müssten nicht mehr Ausländer mit am Tisch sitzen? Mehr Grenzgänger? Wie sieht es auf Unternehmerseite aus, drei Viertel aller neu gegründeten Unternehmen werden von Ausländern gegründet. Vielleicht müssten sich einige Organisationen infrage stellen: Wie repräsentativ sind wir noch?

Die „Femmes socialistes“ wollen im Rahmen der Steuerreform die Möglichkeit der individuellen Besteuerung thematisieren. Unter welchem Gesichtspunkt?

Es ist wichtig, dass dieses Thema nun in der Öffentlichkeit ist, denn es wird kaum darüber geredet. Es ist eine langjährige Forderung von uns: eine allgemeine Individualisierung der Steuern und der Pensionen. Es wäre ein kompletter Paradigmenwechsel, weg von Haushalten o.ä. Wir wollen Berechnungsmodelle erstellen, aber es geht ja nicht nur um das Finanzielle, um das „mehr oder weniger Steuern zahlen“. Es würde das System langfristig vereinfachen, auch wenn die Umstellung natürlich schwierig wäre. Unser Gesellschaftsmodell ist nicht mehr das von vor 40 Jahren.

Dies ist bereits eine Realität in vielen nördlichen Ländern. Freibeträge usw. würden bleiben, aber wir würden nicht mehr in Steuerklassen, verheiratet, gepacst, Kinder ja oder nein, … räsonieren. Es ist eine komplexe Materie, deshalb wollen wir Beispiele ausarbeiten.

Zum Abschluss ein Wort zu Ihrer Partei. Wo steht die LSAP? Geht es ihr gut?

(lacht) Es geht ihr besser. Ganz subjektiv: Der Zusammenhalt ist besser, es wird auf alle Meinungen gehört. „Awer et ass nach net alles gedon.“ Wir als „Femmes socialistes“ wünschen uns mehr Dialog. Das ist manchmal sogar nur ein Zeitproblem: Abgeordneter, Bürgermeister … und ein Partei-Mandat. Dann wird letzteres manchmal zweitrangig. Aber es ist die Partei, die draußen mobilisiert! Wir sind ganz klar gegen Kumul, die Verantwortung sollte mehr verteilt werden, mehr Leute sollen sich als Teil des Ganzen sehen.

Seit der Sommer-Akademie 2014 gab es schon viele Verbesserungen, z.B. ist der Informationsfluss stark verbessert worden. Das ist sehr wichtig, reicht aber nicht, auch beim Mit wirken muss sich noch etwas tun.