“Die wahre Gefahr von 5G” – ein Meinungsbeitrag von Yves Cruchten

Press, Tribune libre

Die wahre Gefahr von 5G

 

Politische Entscheidungen sollten bestmöglich auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren. Die Corona-Epidemie hat erneut verdeutlicht wie schwer dies manchmal fällt: Gibt es doch zu fast allen wissenschaftlichen Thesen immer auch gegensätzliche Ansichten und Behauptungen. Obwohl die allermeisten Forscher das Covid-19 Virus als sehr gefährlich einschätzen, so gibt es dennoch einzelne Ärzte, die die Gefahr herunterspielen und das Virus als simple Grippe abtun. Ein anderes Beispiel ist der menschengemachte Klimawandel, dessen Auswirkungen viele Menschen auf verschiedensten Erdteilen bereits heute spüren. Obwohl dieser bereits von mehr als 4.000 Studien bestätigt wurde, finden sich hier und da einzelne mehr oder weniger seriöse „Experten“ die das Ganze in Frage stellen.

Nicht anders verhält es sich beim 5G-Ausbau unserer Funknetze. Immer wieder werden Schreckensnachrichten gestreut über die angeblichen Gefahren die vom neuen Mobilfunkstandart ausgehen. So wird nicht nur vor Gesundheitsschäden gewarnt, sondern es werden Märchen verbreitet über massenhaftes Vogelsterben oder es wird gar behauptet, 5G wäre der Auslöser der Corona-Pandemie.

Dabei ist die Angst oder Skepsis gegenüber neuer Technik so alt wie die Menschheit selbst. Als z.B. im 19. Jahrhundert die ersten Eisenbahnen fuhren, warnten verängstigte Zeitgenossen vor den schwerwiegenden Folgen für die Passagiere: Geschwindigkeit und Fahrtwind würden Lungenentzündungen oder Gehirnverwirbelungen auslösen, ja gar das Genick könnte man sich an Bord brechen… Dabei fuhr die erste Eisenbahn mit einem rasanten Tempo von durchschnittlich acht Kilometern pro Stunde.

Sicher können wir aus heutiger Sicht darüber schmunzeln, Fakt ist dennoch, dass Technophobie also die Angst vor neuer Technik auch heute noch weit verbreitet zu sein scheint.

Die 5G-Gegner sollte man trotzdem nicht als Spinner abtun. Vielmehr sollten die sich gegenüber stehenden Parteien Argumente austauschen und auf einer evidenzorientierten Diskussion verständliche Ängste und Sorgen versuchen auszuräumen. Leider wird eine sachliche Diskussion zusehends erschwert durch falsche und irreführende Behauptungen seitens rechtspopulistischen Gruppierungen, extrem-linken Parteien und vereinzelten Grünen-Politikern, die aus diesem komplexen Thema sowie der Angst der Menschen Kapital schlagen wollen.

Die Argumente der 5G-Gegner heute erinnern zuweilen doch sehr an übertrieben dramatisierende und vor allem frei erfundene Behauptungen, die bei der Einführung des Mikrowellenherds in den 70er Jahren oder den ersten Mobilfunkanlagen in den 90ern aufkamen.

Richtig bleibt: Es gibt heute keine Langzeitstudie die belegen könnte, dass die höheren 3,5 Ghz-Wellen keine Auswirkungen auf den Menschen und seine Gesundheit haben. Allerdings bleiben auch beim neuen Standard die Werte ungefähr 50-mal niedriger als die von der europäischen Gesetzgebung zum Gesundheitsschutz vorgeschriebenen Maximalwerte.

Luxemburg braucht 5G

 

5G wird als das Netz der Zukunft gepriesen. Dabei werden in einer ersten Phase weniger die Mobilfunkkunden profitieren als z.B. die Industrie. Nein, 5G soll nicht dafür sorgen, dass man bald Pornofilme in HD-Qualität auch im Fahrstuhl anschauen kann, wie es der grüne Bürgermeister von Grenoble kürzlich abfällig behauptete. Höchstwahrscheinlich werden der gemeine Bürger eher wenig von der neuen Technik mitbekommen, zumindest bis die 26 Ghz-Wellen flächendeckend von Privatkunden genutzt werden können. 5G wird vor allem von der Industrie genutzt werden und ermöglicht in Zukunft neue Applikationen z.B. im Bereich der Telemedizin oder dem autonomen Fahren. Demnach wäre es fahrlässig, unserer Industrie den Zugang zu dieser Technologie zu verwehren. In einer Zeit in der es immer schwieriger wird neue Industrien anzulocken, sollten wir tunlichst dafür sorgen, dass bestehende Produktionsstätten erhalten bleiben und von neuen Standards und Verfahren profitieren können. Die EU-Kommission geht in einer von ihr 2016 in Auftrag gegebenen Studie davon aus, dass direkt und indirekt insgesamt rund 2,3 Millionen neue Arbeitsplätze im Zusammenhang mit der neuen Mobilfunktechnik entstehen könnten.

An dieser Stelle beißt sich die Katze dann allerdings auch in den Schwanz: Während der rasche Ausbau der 5G-Technologie unabdingbar sein wird um Luxemburg als Industriestandort abzusichern, wird wohl genau diese Technik, gepaart mit der künstlichen Intelligenz, die Robotisierung und Automatisierung bedeutend vorantreiben. Die Konsequenz dieser Entwicklung wird voraussichtlich wiederum der Verlust bestehender Arbeitsplätze sein. Dieser Verlust kann bestenfalls kompensiert werden durch hoch qualifizierte Spezialisten, die unser hiesiger Arbeitsmarkt leider noch nicht hergibt. Die neu entstehenden Arbeitsplätze werden in jedem Fall nicht jenen entsprechen, die der 5G-Technologie zum Opfer fallen.

Neue Technologien wie 5G werden zweifelsohne die Arbeit der Zukunft prägen. Deren Auswirkungen – zumal den negativen – müssen wir proaktiv begegnen, also möglichst vorhersehen und bestenfalls heute schon zuvorkommen, denn die Entwicklung wird aller Voraussicht nach rasant sein. Neben dem Druck auf die Arbeitnehmer, von denen immer mehr Qualifikationen und Flexibilität verlangt werden, wird auch der Druck auf den durch die Arbeit finanzierten Sozialstaat mit seinen sozialen Sicherungssystemen steigen. Es stellen sich demnach drängende Fragen über die gerechte Verteilung von Arbeit und Wohlstand, über Arbeitszeit, über die wachsenden Ungleichheiten aber auch über Ausgrenzungen am Arbeitsplatz und letztlich über den Schutz der Menschenwürde. Diese Fragen bedürfen couragierter und möglichst schneller Antworten seitens der Politik.

Neue Technologien, wie z.B. 5G bieten viele Chancen, bergen aber auch wahre Gefahren, die wir keineswegs unterschätzen sollten. Gerade deshalb: Lasst uns besonnen, unvoreingenommen und sachlich darüber reden!